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auf ein WORT: Till Marwede

Zeitenwende…

Sie ist da und jeder spricht von Ihr, was bedeutet sie für unser Bauwesen?

Wahrscheinlich haben die Meisten mittlerweile Erfahrung mit bedeutenden Änderungen in letzter Zeit gehabt, viele Aspekte sind nicht gänzlich neu, wurden aber durch die Corona-Krise und den darauffolgenden Ukraine-Krieg in einem nicht vorhersehbaren Zeitraum beschleunigt.

Ich möchte ein paar Themen erläutern, deren Auswirkungen uns als Planungs- und Projektentwicklungsbüro aktuell beschäftigen:

ESG / Nachhaltigkeit

Eines der großen Schlagwörter ist aktuell die Nachhaltigkeit. Die Weichen sind gestellt, große Investoren haben sich vielfach verpflichtet, zukünftig nur noch ESG-konform (Environmental, Social, & Governance) zu investieren. Wer steuert diesen Prozess? Viele privatwirtschaftliche Akteure setzten die Vorgaben im eigenen Interesse, ohne daß dies in den gesetzlichen Vorschriften Niederschlag findet, wir haben ein Neben bzw. Durcheinander von gesetzlichen und privatrechtlichen Vorschriften.

Was bedeutet dies in der konkreten baulichen Umsetzung? Werden wir in Frankfurt demnächst nur Hochhäuser in Holz- oder Holzhybridbauweiser errichten, oder wird es Möglichkeiten geben, Beton CO² freundlicher herzustellen (z.B. durch Beimischung von Flugasche oder Zertifizierungen etc.)? Wird die Sanierung von Bestandsgebäuden Standard (jeder weiß, welche Problematiken ein „Refurbishment“ mit sich bringen kann)? Auch der private Endverbraucher wird sich mit dieser Thematik auseinandersetzen müssen, welche dieser Vorgaben werden Grundlage für zukünftige KFW-Förderungen?

Zinsumfeld und Baukosten

Die Zinsen sind explodiert, daß Negativzinsen nicht dauerhaft den Normalzustand darstellen können dürfte aber jedem klar gewesen sein. Trotzdem macht der noch nie dagewesene Zinsanstieg um das 3-4- Fache in wenigen Monaten die Projektkalkulation vieler, sowohl professioneller Anleger, als auch privater Wohnungskäufer, zunichte, während die allgemeinen Lebenshaltungskosten inflationsbedingt steigen.

Die Baukosten sind ebenfalls gestiegen, zwar ist allmählich eine langsame Beruhigung der Materialverfügbarkeit erkennbar, die zu erwartenden Umlage der Lohn- und Energiekostensteigerungen auf die Bauwirtschaft aber sprechen gegen deutlich sinkende Baukosten. 

Es muss über neue Möglichkeiten nachgedacht werden, Baumaterialien in Deutschland unter Berücksichtigung eines angemessenen Umweltschutzes zu gewinnen, dies gilt in gleichem Maße für die Energiegewinnung. Es ist nicht nachvollziehbar, daß wir Fracking-Gas aus den USA importieren, wir dies aber in Deutschland selbst aus Gründen des Umweltschutzes ablehnen. Auch einer Diskussion über die weitere Nutzung von Kernenergie dürfen wir uns in der aktuellen Lage nicht verschließen.

Zuletzt müssen sich die abgehobenen Grundstückspreise auf ein vernünftiges Maß reduzieren, Grundstücksverkäufer waren die Gewinner der Preissteigerungen der letzten 10 Jahre.

Sicher ist, daß das von Bundesbauministerin Geywitz ausgerufenen Ziel von 400.000 Wohnungen (davon 100.000 gefördert) pro Jahr nicht erreichbar sein wird.

Digitalisierung

Alles wird digital und 3-dimensional, es ergeben sich immer neue Möglichkeiten zur Optimierung der Planung, des Managements und der Kostenermittlung und Kontrolle.

Man darf hierbei aber die hohen technischen, wirtschaftlichen und intellektuellen Anforderungen nicht unterschätzen, eine realistische Kosten-Nutzung Betrachtung ist erforderlich. Der Mitarbeiter bzw. Anwender darf hier nicht aus den Augen verloren werden, viele stoßen bei der Bedienbarkeit neuer Plattformen an Ihre Grenzen. Grundsätzlich muß die Digitalisierung die eigentlichen Bauaufgabe unterstützen und darf kein Selbstzweck der Digitalwirtschaft werden. Speziell beim Thema BIM ist die Konzentrierung auf 2 Plattformen schon jetzt unumkehrbar (Revit/Autodesk  und Archicad),  deren Austauschbarkeit untereinander in der Praxis nicht 100% gegeben ist.

Personal  / Behörden

Das Thema Personal betrifft uns alle. Die Generation der Babyboomer wird bis 2035 nach und nach in Rente gehen, hierdurch wird sich die Nachfrage nach qualifizierten Fachkräften weiter verschärfen. Erfreulich sind die Möglichkeiten von neuen Arbeitsmethoden wie z.B. Homeoffice und Online-Meetings, auch ist gegen eine grundsätzlich angemessene Bewertung der Work-Life Balance nichts einzuwenden. Allerdings stellt sich die Frage, ob wir mit einer 3-4 Tage Woche als Vollarbeitszeitmodell unseren Wohlstand in Deutschland halten können.

Ein weiteres Problem ist nach meiner Erfahrung der Umgang mit Behörden. Der persönliche Kontakt wurde durch die Pandemie auf ein Minimum reduziert und ist seitdem nicht mehr zu einem sinnvollen Maß zurückgekehrt. Dieser ist aber Voraussetzung für einen individueller Abstimmungsprozess, der üblicherweise die Grundlage einer Genehmigungserteilung ist. Nicht alle Themen kann man über MS-Teams abstimmen.

Vorgaben wie z.B. Barrierefreiheit, GEG

Die Vorgabenschraube wird immer weiter angezogen, so sind z.B. nach der Bauordnung für Berlin seit den 1.1.2020 bereits 50 % aller Neubau-Wohnungen barrierefrei herzustellen. In wie weit dies den tatsächlichen Bedarf deckt, auch in einer alternden Gesellschaft, kann man hinterfragen. Schließlich bedeutet dies einen höheren Platzbedarf pro Person und somit höhere Kosten pro Wohnungen bzw. Bewohner. Ebenso überbieten sich die Gemeinden mit den Vorgaben zu barrierefreien Stellplätzen. Da diese oft ungenutzt sind sollte man flexible und praktikable Lösungen, wie z.B. eine Kombination Stellplätzen für Behinderte und Familien mit Kleinkindern, anstreben.

Fazit:

Wir leben in einer herausfordernden Zeit, es bleibt spannend wie sie sich weiterentwickelt.

Nicht alles ist gut gemacht was gut gemeint ist und nicht alles sinnvoll was technisch umsetzbar ist. Daher sollten wir den Weg mitbestimmen, den wir sinnvollerweise gehen wollen.